Eine Wirkstoffklasse, zu der Dutzende gängiger frei verkäuflicher wie verschreibungspflichtiger Medikamente gehören, wird nun mit einem erhöhten Demenzrisiko in Zusammenhang gebracht. Aufgrund der Ergebnisse zweier neuer Studien über Anticholinergika und ihre Wirkung aufs Gehirn wird Senioren inzwischen geraten, Medikamente wie Wick Medinait, Claritine und Actifed – um nur ein paar wenige zu nennen – zu meiden, »wenn alternative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen«.

Die erste Studie wurde im Jahr 2015 veröffentlicht. Sie fand heraus, dass Anticholinergika das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, um mehr als 60 Prozent erhöhten. Ihre genaue Wirkungsweise blieb jedoch unklar.

Anticholinergika lassen das Gehirn schrumpfen

Die neuere Studie, von Wissenschaftlern der medizinischen Fakultät an der Indiana University durchgeführt, gab mehr Aufschluss über die Art und Weise, wie Anticholinergika dem Gehirn schaden.

Der britische Telegraph schreibt:

»In kognitiven Tests schnitten 60 Probanden, die Anticholinergika einnahmen, im Vergleich zu älteren Personen, die keine Anticholinergika einnahmen, in Sachen Kurzzeitgedächtnis schlechter ab, ebenso in Tests zu exekutiven Funktionen wie sprachlogischem Denken, Vorausplanung und Problemlösung. Bei ihnen wurde auch früher eine kognitive Beeinträchtigung – eine Vorstufe der Demenz – diagnostiziert.

Die Anticholinergika-Konsumenten wiesen zudem niedrigere Pegel des Glukosestoffwechsels auf – eines Zeichens von Hirnaktivität – sowohl im Gehirn insgesamt als auch im Hippocampus. Der Hippocampus ist die Gehirnregion, die mit dem Gedächtnis assoziiert wird und die bereits in frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit in Mitleidenschaft gezogen ist.

Die Gehirne der Personen, die Anticholinergika einnahmen, waren im Schnitt um vier Prozent kleiner, während die Hohlräume im Gehirn um zwölf Prozent vergrößert waren.«

Viele gängige Medikamente enthalten Anticholinergika

Zur langen Reihe der Anticholinergika gehören zahlreiche frei verkäufliche und verschreibungspflichtige Arzneien. Viele gängige Medikamente gegen Heuschnupfen und andere Allergien enthalten Anticholinergika.

Zitat aus People’s Pharmacy:

»Wie in der ersten Studie erwähnt, wurden bereits Antihistaminika der ersten Generation mit Demenz in Zusammenhang gebracht. Wir sprechen hier über Mittel wie Chlorpheniramin und Diphenhydramin (DPH).

Sie sind vielleicht überrascht, wo überall DPH enthalten ist. Es ist der elementare Bestandteil vieler Allergie- und Heuschnupfenmittel, die unter anderem unter dem Handelsnamen Benadryl verkauft werden. Aber DPH findet sich auch in vielen Schlafmitteln. Lesen Sie die Beipackzettel von Advil PM, Aleve PM, Bayer PM, Excedrin PM, Nytol, Simply Sleep, Sominex, Tylenol PM oder Unisom, in Deutschland zum Beispiel Betadorm, Dolestan, Halbmond, Vivinox Sleep, und Sie stellen fest, dass bei allen DPH als Hauptbestandteil enthalten ist.«

Auch in anderen Arzneimitteln sind Anticholinergika die elementaren Inhaltsstoffe – darunter Antidepressiva wie Prozac und Zoloft, angstlösende Mittel, Medikamente zur Blasenkontrolle sowie Präparate gegen Magengeschwüre und Reisekrankheit.

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Laut Gesundheitsexperten ist die gelegentliche Einnahme von Anticholinergika weitgehend ungefährlich. Da aber diese Medikamente derart alltäglich sind und die Bandbreite der Einsatzgebiete so groß ist, ist es leicht möglich, dass man gleichzeitig mehrere Anticholinergika zu sich nimmt, ohne dass man selbst oder der behandelnde Arzt sich der Gefahr bewusst ist.

»Weit mehr als jedes einzelne Anticholinergika-Präparat sorgt uns die Kombination mehrerer Medikamente mit anticholinerger Aktivität. Die Ärzte sind sich vielleicht gar nicht darüber im Klaren, dass das angstlösende Agens Alprazolam (Xanax) anticholinerg aktiv ist. Ebenso der gegen Magengeschwüre eingesetzte Wirkstoff Cimetidin (Tagamet) und auch der gegen Übelkeit eingesetzte Arzneistoff Meclozin, früher Postadoxin (Antivert, Bonine).

Wir könnten die Liste noch lange erweitern, aber Sie können sich ja jetzt ein Bild davon machen. Es gibt Dutzende von Medikamenten mit diesem Merkmal. Manch einer nimmt Tylenol PM oder Betadorm zum Einschlafen und vielleicht Amitriptylin gegen Nervenschmerzen und Oxybutynin, um seine überaktive Blase zu kontrollieren – und leidet schlussendlich an Verwirrtheit und Vergesslichkeit.«

Natürliche Alternativen

Der Zusammenhang von Anticholinergika und Demenz ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie Arzneistoffe mehr schaden als nützen. Für viele Beschwerden, die damit behandelt werden, gibt es aber sichere, natürliche Alternativen.

Wenn Sie derzeit frei verkäufliche Anticholinergika einnehmen, sollten Sie sich besser nach pflanzlichen Mitteln umsehen: etwa Nesseln bei Heuschnupfen, Johanniskraut bei Depressionen und Baldrian bei Schlafproblemen. Wenn Sie bereits verschreibungspflichtige Anticholinergika einnehmen, klären Sie das mit Ihrem Arzt, ehe Sie natürliche Alternativen ausprobieren.

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