Es gibt die kleinen Meldungen, die kaum registriert werden, die aber doch ein bezeichnendes Licht auf einen Krieg werfen, der in vorgegebenen Schablonen präsentiert wird. Zu den kleinen Meldungen gehört der Bericht eines ehemaligen Kämpfers der US-Spezialtruppen, Jack Murphy, über einen Zwischenfall in Jordanien, der sich Anfang November zutrug.

Dabei wurden drei US-Soldaten am Eingang eines militärischen Ausbildungslagers im Süden des Landes erschossen. Murphy berichtet von einem sich aufdrängenden Verdacht, dass ein IS-Sympathisant dafür verantwortlich ist. Nicht auszuschließen sei es, dass der Schütze zu einer Gruppe „moderater Rebellen“ gehört, die von US-Spezialtruppen im Auftrag der CIA ausgebildet wurden.

„Bizarre Unterstellungen“

Zu den Nachrichten mit großer Reichweite, die Schablonen bestätigen, gehört der Bericht der New York Times, der Scheich al-Muhaysini über seinen Schock erzählen lässt, sich nun auf der US-Terrorliste wiederzufinden:

„Heute sind die Syrer(!) geschockt, dass die USA eine Person auf die Terrorliste gesetzt haben, die sie als nationales Symbol ansehen. Das ist eine sehr bizarre Sache. Abdallah al-Muhaysini ist eine unabhängige Figur. Wie kann das amerikanische Außenministerium Abdallah al-Muhaysini als jemanden beschreiben, der zu Fatha al-Sham (neuer Name für die al-Nusra-Front, Anm. d.Verf.) gehört?“ (Scheich al-Muhaysini, im Skype-Interview mit der New York Times)

Bizarr ist, dass sich die New York Times erneut als Image-Pflegestätte eines al-Qaida-Mitglieds benutzen lässt. Zugute zu halten ist dem Bericht des Leitmediums, dass er auch die Stimmen der Dschihad-Experten zu Wort kommen lässt, die al-Muhaysini seit Jahren beobachten und Nachweise für seine al-Qaida-Aktivitäten haben.

Allerdings räumt die New York Times dem al-Qaida-Ideologen und Nachwuchsrekrutierer viel Platz ein, um dessen Botschaft unters Publikum zu bringen, wonach er die syrische Bevölkerung repräsentiere, die mit dem grausamen Diktator Assad nicht einverstanden ist. Der Verdacht gegen ihn treffe demnach einen Unschuldigen, der Opfer einer Art Intrige ist.

Diesem Opfer-Narrativ, das in Variationen – wenn es etwa um die unschuldigen „moderaten Rebellen“ geht -, die westlichen Storys über den syrischen Widerstand dominiert, setzt der eingangs erwähnte Jack Murphy andere Wahrnehmungen von der Front der Special Forces gegenüber.

CIA-Operation „Timber Sycamore“ und Sabotage

Um es auf Kernaussagen zu reduzieren: Für Special-Operations-Veteran Murphy ist der oben genannte Zwischenfall in Jordanien von Anfang November eine Konsequenz aus einer falschen Wahrnehmung und einem falschen Programm.

„Der Mord an den drei Green-Beret-Soldaten ereignete sich, nachdem den Special Forces unter dem CIA Programm Timber Sycamore jahrelang Kämpfer zur Ausbildung geschickt wurden, die als moderate Rebellen bezeichnet wurden, die aber in Wahrheit IS- und al-Nusra-Eindringlinge waren. Die Mitglieder der Special-Forces haben sich darüber beschwert.“ (Jack Murphy)

Über die Klagen und den Widerstand aus den Reihen der Special Forces berichtete Murphy bereits im September dieses Jahres.

Er zitierte einen früheren Green-Beret, der mit der Durchführung des CIA-Programms in Jordanien vertraut ist: „Jeder vor Ort weiß, dass sie Dschihadisten sind und keiner, der an Ort und Stelle arbeitet, glaubt an die Mission und die Bemühungen, sie wissen, dass sie die nächste Generation der Dschihadisten ausbilden, so sabotieren sie es, indem sie sagen ‚Wenn kümmert das schon?'“

Manche Befehlshaber der Spezialtruppen hätten sich geweigert, die Ausbildung fortzusetzen. Warnungen zum CIA-Programm der verdeckten Operationen, genannt „Timber Sycamore“, gab es demnach schon länger. In der Schlussphase der Regierung Obama kamen auch Berichte an die Öffentlichkeit, die das Scheitern von Timper Sycamore etwas ausführlicher darlegten und in den Zusammenhang mit der Syrienpolitik des scheidenden Präsidenten stellten.

Überprüfungen mit alten Datenbanken

Im Unterschied zu den eher auf die amerikanische Strategie angelegten Reflexionen solcher Artikel kann Murphy dank seiner Kontakte zu den Spezialeinheiten Konkretes beisteuern. So beschreibt er etwa, wie lausig das CIA-Überprüfungsprogramm der Rebellen tatsächlich ablief oder abläuft.

Der Geheimdienst würde biometrische Suchen in alten Datenbänken durchführen, die längst nicht mehr up-to-date und vollständig seien. Laut Aussagen von Mitgliedern der Spezialtruppen seien Rebellen am Lügendetektor durchgefallen und hätten Verbindungen zu Islamisten während der Interviews erkennen lassen. Anscheinend ohne Folge.

Diese Bedenken, die auch von Ground Branch, der CIA-Alternative für verdeckte Operationen, geäußert worden, wurden ignoriert, behauptet Murphy. Die Gründe dafür sind politischer Natur, wesentlich mithinein spiele aber auch das Karrieredenken von CIA-Funktionären, die auf Zahlen achten, um weiter nach oben zu klettern. Sie hatten offensichtlich wenig Interesse daran, eingeschleuste Dschihadisten zu enttarnen. Die CIA-Offiziere in der Türkei seien dafür bekannt, dass sie Bedenken von Befehlshabern der Spezialtruppen in den Wind schlagen.

Das Baby von John O. Brennan

Als Beispiel dafür, wie groß der Einfluss und die Verbindungen der Dschihadisten war oder ist, erwähnt Murphy die Mengen der Waffen, zum Beispiel der TOWs, die in den Händen des IS oder der Nusra-Front landeten. Er ergänzt dies mit der bereits bekannten Beobachtung, dass TOWs, die an FSA-Truppen geliefert wurden, in Kampfgebieten sehr rasch an die Nusra-Front gingen, weil sie die stärkeren waren.

Das Timber Sycamore-Programm für verdeckte Operation sei ein „Baby“ des CIA-Chefs John O. Brennan. Die Spezialtruppen, die zu dieser „multi-agency“ Operation herangezogen werden, unterstehen den Befehlen der CIA. Dazu braucht es die Bewilligung des Weißen Hauses.

Mit dieser Bewilligung und einer Gesetzeslücke (18 USC 2339, exception J) sei es dann auch möglich, im Interesse der Nation mit Terrorgruppen zusammen zu arbeiten, behauptet Murphy.

Die Mission war ausgerichtet auf einen Regierungswechsel in Damaskus, offensichtlich mit Mitteln, die sich schon beim Afghanistan-Krieg gegen Russland als Boomerang gegen die Sicherheitsinteressen der USA erwiesen haben.

Idlib: „de-facto-Kalifat der Nusra-Front“

Es sei unmöglich, so Murphy, einen Unterschied zwischen der FSA (Freie Syrische Armee) und al-Nusra zu machen, sie seien nahezu dieselbe Organisation. In Wirklichkeit sei die FSA hauptsächlich ein Cover für die al-Qaida-Organisation al-Nusra.

Diese ist nun in den letzten Tagen der Amtszeit Obamas zur Terrororganisation erklärt worden wie auch deren Zuarbeiter Scheich al-Muhaysini. Als Ziel der großen Offensive gegen al-Nusra erklärte das russische Verteidigungsministerium kürzlich u.a. die Provinz Idlib. Laut Murphy ist die Provinz ein „De-facto-Kalifat der Nusra-Front“. Ihm wird von seinen Krirtikern vorgehalten, dass er übertreibe.

Man darf gespannt sein, welche Übertreibungen sich die westlichen Berichte einfallen lassen werden für Schlagzeilen zur Idlib-Offensive.

2 Kommentare

Kommentar schreiben

Bitte gib Deinen Kommentar ein
Bitte gib Deinen Namen hier ein