In ihrem Bericht zum Ausbau von Logistik-Infrastruktur der NATO in Europa machte sich die Tagesschau zum Propagandist des Militärbündnisses. Ohne widersprechende Meinung und mit falschen und irreführenden Zahlen wurde als Nachrichten getarnt zwei Minuten lang tendenziös das NATO-Narrativ kolportiert.

von Jakob Reimann

Am 14. Februar berichtete Jan Hofer in der Tagesschau darüber, dass die NATO ihre „Logistik verbessern“ wolle und dafür eines von zwei neuen NATO-Hauptquartieren in Deutschland bauen werde, was laut NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg der schnelleren Verlegung von Kriegsmaterial und Truppen Richtung Osten diene. Hofer erwähnt richtig, dass es in jüngster Vergangenheit bereits zu Truppenverlegungen nach Osteuropa kam. Was er jedoch lediglich allgemein als „mehr Truppen“ verharmlost, ist vielmehr der größte Truppenaufmarsch der NATO seit Ende des Kalten Kriegs.

Bereits Hofers achtes Wort nennt den monokausalen Schuldigen, der diese „Logistikverbesserung“ nötig machte: Russland. Das Verhalten der NATO sei eine „Reaktion auf die Ukraine-Krise und die Annexion der Krim durch Russland.“ Hofer übernimmt hier unreflektiert das NATO-Narrativ einer defensiven NATO, die auf ein aggressives Russland lediglich reagiere, und vermengt hierbei Ursache und Wirkung. Es ist irreführend, den Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern der Tagesschau eine Kausalitätskette zu konstruieren, die willkürlich bei Ereignissen 2014 beginnt, denn das, was ab diesem Jahr in der Ukraine geschah, ist ohne den Kontext aus EU- und NATO-Osterweiterung in den Jahrzehnten zuvor nicht im Ansatz zu begreifen.

Als erster Clip folgt eine Anekdote aus Bautzen, bei der die Polizei sechs Schwerlasttransporte mit US-amerikanischen Panzerhaubitzen stoppte, Grund: fehlende Papiere und schlechte Sicherung der Haubitzen. Nahaufnahme eines minimal platten Reifens eines Anhängers. „Endstation statt reibungsloser NATO-Transport – diese Panne ist kein Einzelfall“, instrumentalisiert Bettina Scharkus im besorgten Ton den Vorfall auf der sächsischen Autobahn als Legitimierung für das nun folgende Statement der Verteidigungsministerin.

Von der Leyen stellt das NATO-Konzept des „Military Schengen“ vor, das zur zügigen und bürokratiearmen Truppenverlegung innerhalb Europas führen soll. Außerdem wird zur Koordinierung dieser Transporte – und zur Verhinderung von Vorfällen wie in Bautzen – das neue NATO-Hauptquartier in Deutschland errichtet. Ich als Zuschauer werde durch diese Clipabfolge ganz offensichtlich für dumm verkauft, da mir suggeriert wird, diese neuen Maßnahmen würden etwas an unsicher befestigten Panzerhaubitzen oder platten Reifen ändern und damit folglich deutsche Autobahnen sicherer machen.

Der Begriff des „Military Schengen“ entfaltet eine enorme psychologische Wirkkraft, da „Schengen“ im Allgemeinen ein äußerst positiv besetzter Begriff ist, der mit Freizügigkeit und Freiheit verknüpft wird. Im „Military Schengen“ wird diese positive Konnotation vereinnahmt und auf höchst manipulative Weise die Freizügigkeit von Truppen und Kriegsgerät in dieselbe Kategorie wie die Freizügigkeit von Menschen gesteckt.

Die Tagesschau lamentiert die vermeintliche organisatorische Behäbigkeit von Truppenverschiebungen gen Osten und erklärt an drei Balkendiagrammen, warum der von-der-Leyensche „Military Schengen“ dringend vonnöten ist. Anhand von Truppenstärke, Kampfpanzern und Kampfflugzeugen wird das „kampfbereite Militär“ von NATO und Russland verglichen, welches an der Ostflanke der NATO stationiert ist, den baltischen Staaten. Bei Truppen und Panzern liegt Russland klar vorne, die NATO bei den Kampfjets.

Zusammengesetzte Screenshots aus Tagesschau vom 14. Februar 2018.

Die systematische Irreführung der Tagesschau wird hier an zwei wesentlichen Punkten deutlich. Erstens wird die Einschränkung „an ihrer Ostflanke“ lediglich in einem Nebensatz während des vorangestellten Clips erwähnt, sie steht nicht als Erklärung auf den Diagrammen selbst. Aus fachlicher Sicht ist dies ein grober Fehler, weil die Diagramme für sich genommen damit keinerlei Aussage über irgendetwas haben. Wer den Bericht nicht aufmerksam verfolgt, sondern abgelenkt ist (was vermutlich die Mehrheit der Zuschauenden sein wird), könnte den Eindruck gewinnen, dass es sich etwa um absolute Vergleichszahlen zwischen NATO und Russland handelt. Und da die Menschen visuelle Wesen sind, bleibt im Gedächtnis hängen: lange rote Balken, kurze blaue Balken.

Der zweite Kritikpunkt an den drei Diagrammen ist wesentlich dramatischer und lässt damit die Kernaussage des gesamten Beitrags in sich zusammenfallen: die Zahlen an sich ergeben schlicht keinen Sinn. Die Daten stammen aus dem 2018er Bericht der Münchner Sicherheitskonferenz, die ihre Daten wiederum aus einem diesjährigen Papier des US-Thinktanks RAND Corporation bezog. Die Tagesschau sagt, die Diagramme bilden jeweils die „kampfbereiten“ Truppen und Vehikel an der NATO-Ostflanke ab. Für die NATO-Seite bedeutet dies die Truppen in den drei baltischen Staaten sowie US-Panzer aus Polen, die umgehend ins Baltikum transportiert werden könnten. Für die russische Seite umfasst dies alle stationierten Truppen im sogenannten westlichen Militärbezirk. Das Problem hierbei: der westliche Militärbezirk ist fast 1,2 Millionen Quadratkilometer groß, während das Baltikum gerade einmal 175 Tausend Quadratkilometer misst – nur knapp ein Siebentel der russischen Referenzfläche. Während im Baltikum kein Punkt mehr als wenige Hundert Kilometer von der NATO-Russland-Grenze entfernt ist, können in Russlands Westbezirk weit über Eintausend Kilometer bis an die Grenze zum Baltikum zurückgelegt werden.

Die Tagesschau vergleicht in ihren Diagrammen das Baltikum mit dem westlichen Militärbezirk Russlands, der fast sieben Mal größer ist.

Eine Gegenüberstellung zweier derart unterschiedlich großer Gebiete ist höchst unwissenschaftlich. Um etwa gleiche Areale vergleichen zu können, müssten zum Baltikum noch mindestens Polen, Tschechien, Deutschland, Slowakei, Slowenien und Ungarn hinzugerechnet werden. Werden die aktiven Militärs dieser Länder addiert, ergibt sich eine Truppenstärke von 376.000 – im Vergleich zu 78.000 auf der russischen Seite. Wenn also überhaupt ein Verhältnis von Truppen in gleich großen Einzugsgebieten entlang der NATO-Russland-Grenze angegeben werden soll, wäre dies 5:1 für die NATO, keineswegs das 2:5-Verhältnis für Russland, was das Schaubild der Tagesschau abbildet. Ähnliches gilt für die Zahl der Kampfpanzer. Doch auch diese Zahlen müssen mit Vorsicht genossen werden, da etwa die Truppen im weitläufigen Russland eine höhere Mobilität aufweisen als im gedrängteren Zentral- und Osteuropa. Es bleibt festzuhalten, dass die Kernaussage des Beitrags – Russlands militärische Übermacht im Baltikum – auf einer gänzlich falschen Argumentation beruht.

Zwei Kleinigkeiten: Das RAND-Paper erläutert, dass die Zahlen der Kampfflugzeuge alle einsatzfähigen Jets weltweit angeben, nicht, wie von Tagesschau behauptet, nur jene im Baltikum. Außerdem nennt die Tagesschau die Zahl von 5.357 NATO-Jets, es sind laut Quelle aber 5.457 (es mussten lediglich zwei Zahlen addiert werden, woran die Tagesschau scheiterte). Die zwei Kleinigkeiten haben hier keinerlei Relevanz mehr, sie illustrieren nur weiter die dilettantische Quellenarbeit der Tagesschau.

Als Folge der durch die drei Diagramme vermeintlich belegten russischen Übermacht im Baltikum stehe die Bundesregierung nun unter Druck, erklärt die Tagesschau: „Die Bundeswehr müsse stärker aufrüsten, fordern Experten, ein neues Kommandozentrum sei lediglich ein Anfang.“ Der besagte Experte ist Wolfgang Ischinger, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, von der die Tagesschau die falschen Zahlen für ihre Schaubilder übernahm. Im gewohnt verklausulierten Vokabular von „Engagement“ und „militärischer Handlungsfähigkeit“ redet Ischinger im Clip über die Rolle Deutschlands in der NATO.

Bettina Scharkus endet ihren Bericht, indem zum wiederholten Male die schwarzweißen Rollen verteilt werden: „die NATO wolle keinen Kalten Krieg“, Moskaus Militärpolitik werde „zunehmend als aggressiv wahrgenommen“, sie schließt mit der Warnung vor einem potentiellen „Ernstfall“.

Über die volle Länge dieses zweiminütigen Beitrags hinweg kolportiert die Tagesschau ausschließlich pro-NATO-Narrative und lässt dabei weder im Ansatz erkennen, dass diese Narrative in der öffentlichen Debatte sehr wohl strittig diskutiert werden, noch räumt sie gegensätzlichen Standpunkten den kleinsten Raum zur Kontroverse ein. Wir werden mit unseriösen, höchst manipulativen Zahlen konfrontiert, die ein akutes Bedrohungsszenario durch Russland im Baltikum zusammenflickschustern. Uns werden die Standpunkte des NATO-Generalsekretärs, der Verteidigungsministerin und eines hochrangigen Militärlobbyisten präsentiert, ohne eine einzige Gegenstimme von der Linkspartei oder von einer der vielen pazifistischen oder rüstungskritischen NGOs zu hören. Was für ein privates Medienhaus ein legitimes Vorgehen wäre, ist bei der Flaggschiff-Sendung der Öffentlich-Rechtlichen schlicht eine Verletzung ihres Bildungs- und Informationsauftrags. Der Bericht ist reine Propaganda im Sinne der NATO und der Fürsprecher einer konfrontativen und eskalativen Russland-Politik.

12 Kommentare

  1. das ist ja identisch mit der begründung hitlers an einmarsch russland 1941. ist den da echt keiner mehr übrig der diesem verkommen schweinen von ard/zdf usw mal das dumme maul stopft?

  2. Durch die andauernden „Provokationen Russlands“ ist die NATO gezwungen ihre Truppen in Grenzgebieten zu stationieren. Truppenstärke? Wischiwaschi Angaben und Dunkelziffern. Durch das NATO-HQ in Deutschland steht die NATO selbst am Dreh und Angelpunkt, schnellere Truppenverlegung usw usw.
    Jetzt stellt euch folgendes Szenario vor:
    Bürgerkrieg in Deutschland…..denkt ihr da sitzen Bataillone der NATO nur in ihrer Kaserne und schauen zu?
    Das ist eine (wieder einmal und immer noch) großangelegte Besetzung! Im Falle dessen was eh eintreffen wird kann man so die Bevölkerung in Schach halten!
    Und keiner merkt es.
    Die Russen selbst werden nur dann eingreifen, wenns uns Deutschen Bürgern ans Leder geht.
    Bis die Russen aber hier sind, wehe dem, ich mag es mir nicht ausmalen.
    Zwei Fliegen mit einer Klappe!

  3. Ignoranz bekommt Stockschläge auf die Finger!
    Die Milchfrau von der Ecke wird Verteidigungsminister. Das gab es schon früher einmal; da wurde es ein Pillendreher, dann gab es noch den IG-Bau-Steine-Erden-Scheihals. . . .

  4. #Bernd Walther , sie können „Juden“ auch durch „Mohammedaner“ in dem Vers ersetzen.
    Aber, der Feind ist nicht „dein“ Nachbar, es ist „dein“ Verwandter, die Ignoranz!

  5. Mit korrekter Berichterstattung haben dieser und andere ZDF-Beiträge leider nichts mehr zu tun. Kein Wort darüber, dass die NATO Russland militärisch weit überlegen ist, und vor allem in weit größerem Maße aufrüstet.
    Es ist kein Geheimnis, dass die Mehrheit der Deutschen eine Konfrontation mit Russland und eine massive Aufrüstung der Bundeswehr ablehnt. Solche Berichte sollen suggerieren, dass genau dies unvermeidlich ist, da Russland militärisch angeblich weit überlegen ist.

    Mich würde interessieren, ob die an solchen Berichten beteiligten Journalisten diesen Schmarrn tatsächlich selber glauben.
    Während sich weltweit unzählige Journalisten unter Lebensgefahr der Zensur widersetzen, nicht selten im Gefängnis landen, haben deutsche Journalisten kaum mehr zu verlieren als ihren gut dotierten Job. Doch scheint diese Bedrohung schon ausreichend, um sie auf Linie zu halten.
    Widerstand Fehlanzeige; man befolgt ja nur Befehlen.

    • Deutsche Journalisten? Wenn die Jobs hoch dotiert sind,
      bekommt sie kein Deutscher! Mitläufer wie Claus Kleber
      ( 600K / Anno ) sollten sich nicht als Deutsche sehen!

  6. Diese aggressive, ja eigentlich passive Art Moskaus, die Sperrmüll fähigen
    Convoi,s der NATO, nicht bis Omsk durchzuwinken, erklärt sich vielleicht
    damit, dass die Russen kein Bock auf die haben. Das Resultat wäre doch
    kostenaufwendige Pannenhilfe auf halber Strecke. Was die Russen der
    NATO eben nicht schulden. Wurde Moskau / Gorbatschow doch 1990
    garantiert, die NATO nicht über die Oder / Neiße treten zu lassen!
    Was tuen die Russen eigentlich? Nichts! Sie befinden sich in Russland
    und sehen wie sich ein NATO Gürtel von Georgien über Ukraine bis
    Baltikum schließt.
    Würde je einer dieser USraelisch geeichten Schwachmaaten, ver-
    meintlicher Führer der EU, mal der EU Bevölkerung zuhören, wäre
    längs Schicht im Schacht. Und Leute wie Siemens könnten sich zum
    Wohle Aller auf die Seidenstraße konzentrieren.

    Es geht den „Geschäftsleuten“ nur darum uns, und die Russen vorzuführen.
    Wir sind besetztes Land, so so, dann seht euch diese Clowns mal an die glauben
    uns besetzen zu müssen. Wir sollen jetzt diese Provokation gegen Russland erdulden?
    Das dürfen wir gar nicht, laut GG sind wir verpflichtet Flinten Ursel u. v. a. m.
    einzulochen, und zu entmündigen.
    Rundfunk knacken, Nation ausrufen, Geschäftsübernahme der BRiD GmbH, Gesandte
    der VgV, nach Moskau, Friedensvertrag im Auftrag der deutschen Nation zeichnen
    BT auflösen, USraelis aus deutschem Gebiet, via Bremerhaven, nach Hause
    geleiten, zwei Jahre später in Oslo, den Umwelt Preis für verhinderten CO² Ausstoß
    kassieren, gut ists! ES LEBE DAS HEILIGE DEUTSCHE VATERLAND.

  7. Hofer ist doch ’nur‘ Marionette. Er muss vorlesen was man ihm mitteilt. Vor ihm läuft der Text durch und den hat er in die Kamera hinein zu sprechen.
    Die wahren Verbrecher sitzen hinter der Kamera. Das ist ja nun nichts neues.

    • Das sehe ich anders. Ohne diese niederrangigen Befehlsempfänger wäre die Propaganda nicht möglich. Hofer und seinesgleichen verdienen ihre Brötchen mit Lügen und Propaganda für ein kriegerisches System. Aber er wird sich wahrscheinlich genauso rausreden, wie du argumentierst: Ich bin doch nur eine Marionette, also unschuldig. Und dabei zeigt er auf seine Bosse. Und die zeigen wiederum auf ihre Bosse. Keiner ist verantwortlich. Oder etwa doch?

        • Rischtisch..!!!!
          J.W.Goethe * Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern*

          Haman zu König Ahsveros (AT Buch Esther)

          Du kennst das Volk,das man die Juden nennt,
          das außer seinem Gott nie einen Herrn erkennt.
          Du gabst ihm Raum und Ruh,sich weit und breit zu mehren
          und sich nach seiner Art in Deinem Land zu nähren.
          ……sie haben einen Glauben,der sie berechtigt,
          die Fremden zu berauben,
          und der Verwegenheit stehn Deine Völker bloß….
          Er weiß mit leichter Müh`und ohne viel zu wagen,
          durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen.
          Auch finden sie durch Geld den Schlüssel aller Herzen,
          und kein Geheimnis ist vor ihnen wohl verwahrt,
          mit jedem handeln sie nach seiner eignen Art.
          Sie wissen jedermann durch Borg und Tausch zu fassen;
          der kommt nicht los,der sich nur einmal eingelassen….
          Es ist ein jeglicher in Deinem Land
          auf ein und andre Art mit Israel verwandt,
          und dieses schlaue Volk sieht einen Weg nur offen:
          Solang die Ordnung steht,hats`nichts zu hoffen.

Kommentar schreiben

Bitte gib Deinen Kommentar ein
Bitte gib Deinen Namen hier ein